Meine Geschichte

Sobald ich morgens aufstehe, schießen mir unzählige Gedankenblitze durch den Kopf und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Dann ist mir schon wieder alles zu viel. Um diese Gedanken zu beruhigen, geht meine Hand automatisch zum Kopf, sucht sich ein Haar und reißt es aus. Ich knabbere ein bisschen auf der Wurzel herum, meine Gedanken beruhigen sich wieder und die innere Anspannung sinkt wieder ab. Ohne es zu merken, werden aus einem Haar sechs, sieben, acht oder zehn Haare.

Wenn mir bewusst wird, dass ich wieder reiße, ärgere ich mich über mich selbst und habe Angst davor, dass andere mich auf meine kahlen Stellen am Kopf ansprechen könnten. Was soll ich dann bloß sagen? Wenn ich arbeite oder mit anderen Menschen zusammen bin, bin ich ganz im Hier und Heute, fühle ich mich lebendig. Aber wenn ich abends nach Hause komme, mich eigentlich entspannen und erholen könnte, kommt die Leere und die Angst vor der Einsamkeit wieder. Wenn es Ärger im Betrieb gab oder ich eine Auseinandersetzung mit meinem Freund hatte, grübele ich darüber nach was ich falsch gemacht habe, habe Angst davor, dass man mich nicht mehr mag und ablehnt. Kurzum ich kann es ganz schlecht mit mir selbst aushalten, und fange dann wieder an mir die Haare auszureißen.

Ich traute mich nicht zu sagen, dass es mir selbst nicht gut ging

Mit elf Jahren wurde ich auf eine Kinderkur geschickt. Ich fühlte mich dort einsam, regelrecht abgeschoben von meinen Eltern, durchlitt meinen ersten Liebeskummer und sollte mich dann noch fürsorglich um eine Mitschülerin kümmern, die entsetzliches Heimweh hatte. Ich traute mich nicht zu sagen, dass es mir selbst nicht gut ging. Schwäche zeigte ich nicht. Anderen Hilfe zu verweigern war für mich unmöglich, dann würde Monika mich bestimmt nicht mehr mögen. Ich lernte schnell, dass das Haareausreißen mich beruhigte und mir gut tat. Danach ärgerte ich mich darüber, dass ich es nicht lassen konnte und bekämpfte das Gefühl des Ärgerns durch erneutes reißen. Ein Teufelskreis hatte begonnen. Jahrelang versuchte ich mein Verhalten zu verheimlichen, traute mich nicht mit Eltern, Freunden und Kollegen zu reden. Vielmehr verstrickte ich mich in Lügen über Hormonmangel und Tablettennebenwirkungen, um meine kahlen Stellen zu erklären. Frisöre wurden meine größten „Feinde“.

Ich hatte ständig Angst, andere könnten hinter mein Geheimnis kommen.

Ich wechselte sie ständig. Und als es gar nicht mehr anders ging, trug ich eine Perücke. Näheren Kontakt zu anderen ließ ich nicht mehr zu, aus Angst, sie könnten hinter mein Geheimnis kommen. Um Anerkennung zu bekommen und um über meinen Makel hinweg zu täuschen, brillierte ich durch übertriebene Leistung. Alles musste in meinen Augen 150-prozentig sein. Da das niemand schaffte, riss ich immer stärker an meinen Haaren. Mit 25 Jahren vertraute ich mich das erste Mal einem Arzt an, der mich zum Verhaltenstherapeuten überwies. Dort wurde zwar mein Selbstbewusstsein gestärkt aber das Reißen blieb. Im Laufe der Jahre suchte ich mehrfach nach Hilfe, aber die meisten Therapeuten und Ärzte schauten mich ungläubig an und gaben mir den Rat, doch einfach mit dem Haare reißen aufzuhören. Dann endlich 1997, ich war fast 40 Jahre alt, erfuhr ich aus der Tageszeitung, dass das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf als erste deutsche Klinik ein Forschungsprojekt zu dieser Krankheit durchführte. Ich machte eine medikamentöse und verhaltenstherapeutische Verhaltenstherapie in der VT-Ambulanz und lernte, mich und meine Gefühle wahrzunehmen. Ich setzte mich mit meinen „Reißauslösern“ auseinander und lernte durch Struktur und Abgrenzung meine Erwartungshaltung an mich und andere herunter zu schrauben. Durch das immerwährende Üben, auch heute noch, hat sich meine Symptomatik bis zu 80 Prozent verbessert. Die Erkrankung spielt heute nur noch eine nebensächliche Rolle. Vielmehr lebe ich jetzt mein Leben in vollen Zügen, auch mit Trichotillomanie.

Antonia Peters

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